Schlafe, mein dummes Volk!
Die dieser Tage stattfindenden schrecklichen Ereignisse rund um die japanischen Kernkraftwerke erwischen die schwarz-gelbe Koalition auf dem komplett falschen Fuß: Kurz vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, in denen sich der atomenergiefreundliche Ministerpräsident Mappus eigentlich wieder wählen lassen wollte fliegt unserer Regierung Ihre AKW-Laufzeitverlängerung derzeit um die Ohren wie den Japanern die explodierenden Gebäude Ihrer Atomkraftwerke. So stammelt unser Umweltminister Röttgen im Fernsehen aus Mangel an echten Argumenten nur noch um den heißen Brei herum – und stottert dabei fast schon schlimmer als der mittlerweile legendäre Rhetoriker Edmund Stoiber.
Dem hat dann gestern die Kanzlerin im ARD “Brennpunkt” Interview noch die Krone aufgesetzt. Was sie dort von sich gegeben hat, war nichts weiter als eine Beleidigung ihrer eigenen Wähler: wohlformuliert aber dennoch gut zu erkennen hat sie sinngemäß nichts weiter ausgesagt, als dass wir alle zu dumm sind und doch bitte die Klappe halten mögen.
Besonders deutlich wurde das in ihrem Satz dass “die Menschen” gar nicht alle Fakten kennen und sich deswegen keine sinnvolle Meinung bilden können. Nun liebe Frau Merkel, warum rücken Sie dann nicht mit allen Fakten raus? Zum Beispiel den Fakten über die Nachrüstung unserer Atomkraftwerke? Die Fakten darüber, dass es zwar Pläne zur Nachrüstung gibt, die aber so langfristig angelegt sind, dass der letzte Zeitpunkt zur Nachrüstung mit dem Laufzeitende zusammenfällt? Oder mit anderen Worten: unsere Uraltreaktoren werden schon jetzt auf Verschleiß gefahren, es ist also nichts weiter als ein gefährliches Spiel mit dem Leben hunderttausender Menschen: was kommt zuerst – die Außerbetriebnahme oder doch der GAU?
Auch glaubt die Kanzlerin wohl, Ihr Wahlvolk ist zu dumm zum Rechnen: so erzählte sie gestern, dass auch der alte Atomausstieg der rot-grünen Regierung nichts an der jetzigen Situation geändert hätte, dann wären auch heute und morgen noch alle deutschen AKW in Betrieb. Ja Frau Merkel, das ist schon richtig – aber was ist mit den verbleibenden 25 Jahren Mehrlaufzeit, die Sie und Ihre Koalition zu verantworten haben? Es geht hier nicht um eine Laufzeitverlängerung von zwei Tagen, wie sie es gestern gerne darstellen wollten, es geht um Jahrzehnte!
Auch ist die Diskussion um die ach so sicheren deutschen AKWs – die jetzt dennoch erneut überprüft werden sollen – reine Augenwischerei. Konnte sich die Atomlobby bei Tschernobyl noch mit den “schlampigen Russen und deren unsicherer Technik” herausreden, zieht dieses Argument bei den japanischen High-Tech-Kraftwerken nicht mehr. Vielmehr wird eines deutlich: Probleme verursachen nicht die Störfälle, an die man bei der Konstruktion gedacht hat, sondern die vielen anderen Möglichkeiten und Kombinationen von Verkettungen unglücklicher Umstände, die kein Ingenieur weltweit überhaupt einplanen kann. Und um so komplexer eine technische Anlage ist, um so weniger läst sich diese vollständig überblicken – was insbesondere für eine so komplizierte Anlage wie ein Kernkraftwerk gilt.
Letztendendes bleibt wohl nichts anderes übrig, als den Atomausstieg selbst durchzuführen. So bieten bereits viele lokale Stromerzeuger wie z.B. die Stadtwerke München atomstromfreien Ökostrom an. Darüber hinaus gibt es auch überregionale Anbieter, bei denen man reinen Gewissens seinen Strom kaufen kann ohne dabei die deutsche Atomindustrie zu unterstützen. Und nicht zuletzt kommen die nächsten Wahlen bestimmt: dann können wir entscheiden, ob wir tatsächlich einer strahlenden Zukunft entgegen gehen wollen oder nicht. Und wer seine Meinugn sofort kund tun möchte: in vielen deutschen Städten finden heute – so wie bereits am Wochenende in Berlin – Demonstrationen gegen die gefährlichen Laufzeitverlängerungen statt, so z.B. um 19.00 Uhr in München am Stachus.
So unnütz wie Kopenhagen
Nun ist also wieder die Zeit der Jahresrückblicke, in der man wieder erstaunt feststellen kann, dass irgend ein Ereignis – welches man zumeist auch schon wieder vergessen oder verdrängt hat – ja doch erst dieses Jahr war. Das dürfte zumindest für einen Rekord in diesem Jahr nicht der Fall sein, da der größte, bestorganiserteste und vor allem unnützeste CO2-Ausstoß erst vor kurzem statt gefunden hat: in Kopenhagen. Denn wenn hunderte Unterhändler, tausende Reporter und – zu recht – hunderttausende Demonstranten zusammen kommen um ein Ergebnis zu erzielen, welches sie von zu Hause ganz ohne miteinander zu reden auch erreicht hätten, dann ist so eine Veranstaltung schlicht die reine Verschwendung. In dem Fall eine Verschwendung von Zeit und CO2.
Aber sind wir doch mal ehrlich: hat irgend jemand ernsthaft mehr erwartet? Gut, es ist hirnrissig genug, da die Lage eigentlich glasklar ist: wenn wir nichts gegen die globale Erwärmung tun, dann wird es richtig dramatisch auf diesem Planeten. Aber das scheinen die Politiker dieser Welt nicht begriffen zu haben. Da wird entweder davon gefaselt, dass man selbst durch eine mögliche minimale CO2-Reduktion wirtschaftlich benachteiligt würde oder das andere ja viel mehr ausstoßen als man selbst (Argumente, die ich noch sehr gut aus meiner Kindergartenzeit kenne). Da wird so getan, als wenn es kein Problem wäre, elles so zu belassen wie es ist, es wird “verhandelt”, als wenn die Alternative zu einem vernünftigen Ergebnis nicht etwa ganz massive wirtschaftliche Verwerfungen wären, verglichen mit denen ein paar Milliarden Verlust heute absolute Peanuts sind.
Aber fassen wir uns doch mal selbst an die Nase: es gibt ja nicht nur die großen politischen Führungskräfte, die etwas unternehmen müssten, wir selbst könnten so viel tun – wenn wir nur wollten. Aber in Anbetracht der wachsenden Zahl spritschluckender Monster a la Porsche Cayenne, Audi Q8, BMW X5 und wie die viel zu großen und für die Stadt völlig ungeeigneten Potenzverlängerungen alle heißen, scheint der so genannte kleine Mann auch nicht das geringste Interesse an seiner Umwelt und besonders an der Zukunft seiner Kinder zu haben.
Und so wird sich das Problem langfristig wohl auf Basis der natürlichen Auslese lösen: Der Mensch wird sich seinen Lebensraum weiter so weit zerstören, bis die übergroße Mehrheit seiner Art auf diesem Planeten eben nicht mehr überleben kann – es wird Todeszahlen geben, verglichen mit denen die paar Millionen Verhungerten in Afrika einfach nur lächerlich sind. Der Lebensraum, in dem der Mensch nicht mehr überleben kann, wird dann von anderen Arten besetzt werden, die dann vermutlich auch diesen Homo Sapiens in Schach halten. Das dieser Restbestand an Menschen sicher keine zivilisierte und techniserte Gesellschaft mehr ist, dürfte sich von selbst verstehen. Wirklich bedauerlich finde ich das nur für die vielen anderen Arten und Lebewesen, die wir mit uns zusammen über die Klinge springen lassen. Die können nichts dafür, wir hätten – eigentlich – genug Intelligenz besessen.
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